KUMIHIMO- Historisches rund um Flechten, Kleidung und Kultur


Geflochtene Bänder in der Kleidung

Knöpfe sind eine Erfindung aus dem Mittelalter

Napoleon Bonaparte
Wenn Napoleon oder Friedrich der Große einige hundert Jahre früher gelebt hätten, würden sie auf ihren Portraits keine gut sitzenden, Maßuniformen tragen! Sie wären eher gekleidet wie Samuraikrieger, deren Frauen mit kostbaren Kumihimo-Kordeln die Gewänder, Gürtel und Waffenhalter ihrer Männer gestalteten.

Knöpfe verwendete man in Europa erstmals in Frankreich, in der Region um Paris (Ile-de-France) im 13. Jahrhundert. Erst gut einhundert Jahre später kam das Knopfloch hinzu! Für unsere Kleidung begann damit ein bedeutender Wandel: Die neue, vom Westen geprägte Kleidung wurde kubisch, sie wandte sich ab von der zweidimensionalen Tracht aus fallenden oder gewickelten Tüchern, die mit Bändern und Schnüren gehalten wurden.

Im Gegensatz zu der neuen Bekleidung in Europa, die feste Maße nach den genauen Proportionen des Trägers und eine sehr individuelle Gestaltung mit metallischen Haken, Knöpfen und Verschlüssen entwickelte, war in Asien und besonders in Japan die traditionelle Kleidung nicht maßgeschneidert, war für die Figur fast jeden Trägers passend und anpassbar an die aktuellen klimatischen, individuellen und sozialen Bedingungen.
Schon in der Jōmon-Periode 5.500 bis 6.000 Jahre vor unserer Zeit finden sich in Japan geheimnisvolle Geflechte als Vorstufe der späteren Kumihimo-Flechtkunst, die – parallel zum Buddhismus – etwa 645 bis 784 über die Seidenstraße aus China und Korea nach Japan kam.

japanischer Bushi-Krieger
Bushi-Krieger

Die Entwicklung des Kumihimo in Japan

In der historisch wichtigen Heian-Periode (784 bis 1185) war es in Japan Angehörigen ab der fünften Kaste aufwärts gestattet bis zu zehn Zentimetern breite Kumihimogürtel zu tragen, ab der vierten Kaste durften diese auch in Schwarz geflochten sein! Übrigens: Die meisten Flechtmuster entstanden damals ohne jedes Hilfsmittel, nur mit den Händen!

In der Tradition des Kumihimo lagen – auch wegen des hohen Schwierigkeitsgrades vieler Muster- schon in der Frühzeit viele Geheimnisse: Die „Rezeptur“ vieler Flechtmuster wurde nur mündlich weitergegeben und erst in unseren Tagen – mehrere hundert Jahre später – analysiert, nachgearbeitet und aufgezeichnet.
Kumihimo war ein Kult mit mystischer Bedeutung, Aussage und kulturellem Bezug. Geheimnisvolle Flechtbänder waren bewunderte Kunstwerke. Mit ihnen schmückte man Tempelfiguren und Pagoden.

Die traditionelle Kleidung hielt sich in Japan noch sehr lange. In der als friedlich beschriebenen Edo-Periode von 1616-1867 lebten in Japan über 500.000 Samurai (auch “Bushi” genannt), Angehörige des Kriegeradels. Sie waren die tonangebende Kaste und ihre Kleidung Mode und Kult zugleich. Strenge Gesetze legten fest, wer welche Kleidung in welcher Farbe tragen durfte und ganz besonders, wem es erlaubt war bestimmte Kumihimomuster für seine Kleidung zu benützen!

Aus der Edo-Periode stammen auch die heute noch benutzten Arbeitsgeräte, wie beispielsweise der Takadai – mehr eine Art Webstuhl – und der Marudai. Letzteres ist ein Gerät mit einer runden (dai), aus Hartholz gefertigten Arbeitsscheibe die auf vier hohen Beinen steht und aus deren Loch in der Mitte das Geflecht nach unten wächst. Seine Höhe ist mit rund 40cm der knieenden Sitzposition der Japanerinnen angepasst. Die Oberplatte des Marudai ist normalerweise etwa tellergroß, es wird aber von Geräten mit einem Durchmesser von bis zu 2 Metern berichtet.

Die Samurai blieben bis 1876 die Hauptabnehmer der Flechtware. In diesem Jahr verbot Kaiser Meiji das Tragen von Schwertern in der Öffentlichkeit. Kumihimo hatte seinen bisherigen Hauptzweck – den Halt der Waffe am Gürtel – verloren.

Der Gürtel als Zierde

Ein neues Einsatzgebiet war der Obi für den Kimono – 1817 hatte eine Geisha eine neue Befestigungstechnik für diesen traditionellen Gürtel erfunden.

Weil mit Einschränkungen jedermann Kumihimobänder flechten durfte, übernahmen im 20. Jahrhundert freie Künstler diese Flechtkunst und schufen Gürtel, Dekorationen für Spiegel, Trennwände und Schmuckbänder aller Art.

Während des zweiten Weltkriegs wurde Kumihimo wegen des knappen textilen Materials – Seide für Fallschirme, Wolle für Uniformen – praktisch verboten. Erst in den siebziger Jahren erwachte wieder Interesse an der traditionellen Flechtkunst.

 

Flechtkunst aus den Anden

Auch in den südamerikanischen Anden, speziell in Peru und Kolumbien, flochten die Nachfahren früher mongolischer Einwanderer schon 800 Jahre vor Christi Geburt kunstvolle, geheimnisvolle Bänder, die auch als Turbane bis zu 14 Meter Länge. In Gräbern fand man Bänder mit bis zu 40m Länge mit denen die Menschen damals ihre mumifizierten Toten einwickelten. Einige sind heute im Museum von Lima zu bewundern. Im 13. Jahrhundert setzten die Inka diese kunstvolle Tradition fort. Leider haben sich – aus klimatischen Gründen – im Gegensatz zu Japan – vergleichsweise wenige Stücke über die Jahrhunderte erhalten und auch die Überlieferung riss über die Generationen ab.

 

Kumihimo heute

Eine neue Errungenschaft des 21. Jahrhunderts sind kleine, transportable Flechtvorrichtungen für Kumihimo als Ersatz für den – traditionellen und weltweit von Künstlern benutzten Marudai – für den Einsteiger und Hobbyanwender. Unverzichtbar für beide Arbeitsgeräte aber ist noch immer die Begleitung durch Bücher mit detaillierten Arbeitsplänen oder eine sehr lange Schulungs- und Einarbeitungszeit.

Die für die Hobbyanwendung entwickelte, leicht beherrschbare Mobidai® Flechtscheibe (DBGM) mit bei Bedarf drehbaren Arbeitsschablonen (je nach gewünschten Muster austauschbar) zur deutlich erleichterten Anwendung für Jedermann entstand erst 2005 in Deutschland und ist mit den TOPP Büchern Anfang 2006 erstmals im Handel.

Heute besteht inzwischen patentgeschützte Mobidai® Flechtsystem aus drei Flechtscheiben (Mobidai® – Mobidai® XL Strech – Mobidai® SAN) mit insgesamt an die 30 verschiedenen Musterschablonen.

© DESICON – H.J. Schwarz / Aksia OHG – Miriam Süß

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